A propos ViktorA propos Viktor
A propos Viktor

A propos Viktor

Für die StiftsZeitung erläuterte die Kunsthistorikerin und stellvertretende Leiterin des StiftsMuseums ihre Position in einem Interview mit der Journalistin Claudia Kressin.

Ach, du Heiliger...

Auf der Basis historischer Fakten ist es schwierig, die Figur des Heiligen Viktor konkret zu fassen. Die Geschichte wird an vielen Stellen vom Legendenhaften dominiert. Aber was von der Viktorlegende wahr ist und was nicht, das spielt für Elisabeth Maas eine untergeordnete Rolle. Die Kunsthistorikerin und stellvertretende Leiterin des StiftsMuseums im Gespräch mit Claudia Kressin.

[Auszug aus der StiftsZeitung Nr. 3-2013]

Claudia Kressin (C. K.): Was wissen wir eigentlich konkret über den in Xanten verehrten Heiligen Viktor?

Elisabeth Maas (E. M.): Wir wissen ehrlicherweise kaum etwas Konkretes. Das meiste bewegt sich im Bereich der Legende. Die älteste Quelle ist das "Buch zum Ruhme der Märtyrer", das der Bischof von Tours gegen Ende des 6. Jahrhunderts verfasst hat. Darin ist vom Märtyrer Viktor die Rede, allerdings gibt es keinen direkten Zusammenhang mit Xanten. Man erfährt nur, dass man Viktors Gebeine bis dato noch nicht gefunden hat.

C. K.: Diese wurden zum Ende des 8. Jahrhunderts in Xanten entdeckt?

E. M.: Archäologisch nachweisbar ist allein ein Suchschacht aus dieser Zeit. Die Stiftsherren haben nach den Gebeinen Viktors gesucht. Sie wussten von dem Heiligen nur aus Überlieferungen. Schließlich haben sie auch Gebeine gefunden, diese Viktor zugeordnet, in eine Lade gelegt und fortan verehrt. Gegraben haben sie in ihrer Kirche. Die stand auf einem Gräberfeld aus einer Zeit, als das Gebiet hier unter römischer Herrschaft stand. Gegraben hat man hier erneut 1933. Dabei fand man die Gebeine zweier gewaltsam getötete Männer.

C. K.: Viktor und einer seiner Gefährten...?

E. M.: So hat es der Archäologe Walter Bader gedeutet. Er sieht sie als Opfer einer Christenverfolgung unter Kaiser Julian. Das Problem ist, dass es eine Christenverfolgung in dieser Zeit im Westen des römischen Reiches nicht gegeben hat, was diese Deutung rein wissenschaftlich betrachtet fragwürdig macht.

C. K.: Was hat es mit der Thebäischen Legion auf sich?

E. M.: Erst im Mittelalter - um das Jahr 1.000 - machte man Viktor zum "Mitglied" der Thebäischen Legion. Sie soll aus christlichen Soldaten aus dem oberägyptischen Theben bestanden haben, die im Dienst der römischen Armee standen. Weil sie sich weigerten gegen Christen zu kämpfen, befahl der Kaiser ihre Hinrichtung. Sicherlich steigerte diese Anbindung an eine bekannte und berühmte Geschichte die Wertschätzung für den Heiligen in Xanten. Diese Verknüpfung ist übrigens auch in anderen rheinischen Orten vorgenommen worden, so in Köln und Bonn. Die jeweils dort verehrten Märtyrer Gereon, Cassius und Florentius wurden auch "plötzlich" Thebäer.

C. K.: Das klingt märchenhaft.

E. M.: Deshalb sage ich immer, dass Viktor ein schwieriger Patron ist. Auf der kleinen Basis historischer Fakten ist es schwierig, die Person Viktor konkret zu fassen. Hier dominiert in der Tat das Legendenhafte. Aber was von der Viktorlegende wahr ist und was nicht, das spielt eine untergeordnete Rolle. Bedeutsam erscheint mir die Vorbildfunktion, die von der Figur des Viktor ausgeht - und die die Menschen bis heute bewegt, wie wir ja bei der Großen Viktortracht erlebt haben.

C. K.: Wofür ist denn der Märtyrer Viktor ein Vorbild?

E. M.: Es erscheint uns heute, in Europa, in Deutschland befremdlich, mit seinem Blut Zeugnis für Gott, für den christlichen Glauben geben. Obwohl es noch nicht so lange her ist, dass hier Menschen auch aufgrund ihrer Standhaftigkeit im christlichen Glauben durch die Nationalsozialisten verfolgt wurden und zu Tode kamen. Menschen als Vorbilder oder Zeugen des Glaubens zu sehen, fällt leichter. Viktor ist ein solches Vorbild in Bezug auf seine Gottesliebe. Diese Gottesliebe - die im Zusammenhang mit der Nächstenliebe zu sehen ist - kann Beispiel für eigenes Handeln sein.

C. K.: Welche Rolle spielt Viktor für das StiftsMuseum?

E. M.: Aus meiner Sicht eine sehr große. Zunächst einmal befinden wir uns mit unserem Museum in den historischen Gebäuden des Viktorstifts. Dass fromme Männer wegen Viktor nach Xanten gekommen sind, um zu seiner Ehre und zum Lob Gottes zu beten, ist ja nicht nur aus einer religiösen, sondern vor allem auch aus der historischen Perspektive beeindruckend. Ihre Gemeinschaft bestand immerhin etwa tausend Jahre lang. Viktor war der Patron dieser Gemeinschaft, und Viktor-Darstellungen finden sich daher zahlreich: auf Siegelstempeln, als Skulpturen, auf Gemälden, Teppichen, Glasfenstern. Außerdem haben die Kanoniker uns ja ein beachtliches durchaus weltliches Erbe hinterlassen, das es uns ermöglicht, die Vergangenheit zu verstehen, sie uns überhaupt vorzustellen. Dazu gehört der Domschatz, dazu gehört die Bibliothek und dazu gehört das reichhaltige Archiv.

C. K.: Welche Aspekte der Viktor-Geschichte bietet das Museum seinen Besuchern an?

E. M.: Wir haben die Aussagen aus verschiedenen historischen Epochen zur Geschichte des Ortes aufgearbeitet und zeigen sie in Form von Modellen, Animationsfilmen und begleitenden Texten. Der Bogen reicht vom römischen Gräberfeld bis zum Dombau. Dazu kommt eine intensive Vermittlung des Phänomens der Reliquienverehrung - wer verstehen will, was es damit auf sich hat, findet im StiftsMuseum Antworten und anschauliche Objekte.

C. K.: Sie finden Viktor einen schwierigen Patron. Ist er gerade deshalb auch heute noch aktuell?

E. M.: Die offenen Fragen zur Person Viktor fordern zur Auseinandersetzung mit ihm auf. Besonders die Frage, wie weit zu gehen ich bereit bin für meine Überzeugung oder für meinen Glauben, ist heute so aktuell wie eh und je.

Viktordarstellungen im StiftsMuseum

Siegel des Viktorstifts

Barocke Stickerei